Sind Kinder triviale Maschinen? Unter Covid-19 wird klar: Sie sollen es sein.

Der Soziologe Niklas Luhmann wusste nicht, dass es einmal dazu kommen würde, dass die Schulen schließen und plötzlich alle Kinder zu Hause unterrichtet werden müssen. In seiner Systemtheorie finden wir jedoch einen Anhaltspunkt, der erklären kann, weshalb das nicht nur praktisch, sondern auch theoretisch ein schier unmögliches Unterfangen ist. Und nicht nur das: Auf die Schule bezogen liegt hierin eine Erklärung, weshalb Inklusion so schwierig ist – und das, obwohl sie gar keine neuen Probleme schafft.

Systemtheoretisch betrachtet gibt es viele unterschiedliche autonome Teilsysteme, zum Beispiel das Wirtschaftssystem, das Bildungssystem und auch das System Familie, die nach unterschiedlichen Logiken funktionieren (mehr dazu hier). Homeschooling bedeutet nun, dass eine Veranstaltung des Bildungssystems – der Unterricht – in ein anderes System – die Familie – verlagert wird. Das ist problematisch. Denn: Das Bildungssystem hat sich ganz bestimmte Bedingungen geschaffen, damit Schule und Unterricht funktionieren. Eine davon ist die Annahme, dass Kinder triviale Maschinen seien.

Da geht ein Aufschrei durch die Pädagogik.

Und zwar zu Recht: Jede gute pädagogische Fachkraft leugnet natürlich, dass sie annehmen, dass Kinder triviale Maschinen sind. Trotzdem, und das ist Luhmanns Punkt, werden Kinder als solche behandelt. Nicht von der individuellen Lehrkraft, aber vom System insgesamt.

Was genau sind triviale Maschinen?

Triviale Maschinen sind solche Maschinen, die einen gegebenen Input zuverlässig und berechenbar in einen Output verwandeln. Wenn ich in meinen Taschenrechner 4+7 eintippe, wird er mir zuverlässig 11 als Ergebnis anzeigen. Stelle ich einem Zweitklässler die Frage, was 4+7 sei, wird er mir ebenfalls 11 antworten.

Und unterscheidet nun Kinder von trivialen Maschinen?

Ich kann nicht sicher sein, dass der Zweitklässler wirklich „11“ antworten wird. Vielleicht hat er gerade keine Lust zu rechnen, oder er hat gelernt, nicht einfach fremden Frauen auf der Straße Mathefragen zu beantworten. Systemtheoretisch ausgedrückt:

Kinder sind psychische Systeme. Damit sind sie zustandsdeterminiert und strukturdeterminiert und eben nicht trivial.

Zustandsdeterminiert bedeutet, dass der Zustand des Kindes die weiteren Gedanken und Handlungen mitbestimmt und selbst durch vorhergehende Gedanken und Handlungen bestimmt ist. Mit anderen Worten: Je nachdem, wie der Zweitklässler drauf ist, macht er Dinge unterschiedlich. Strukturdeterminiert meint, dass diese Dinge nicht aus allen möglichen Handlungen zufällig gezogen werden, sondern dass es innerhalb des Kindes bestimmte Strukturen, zum Beispiel Einstellungen, Routinen und Charaktermerkmale gibt, die den Handlungsspielraum einschränken. Der Zweitklässler wird also wahrscheinlich auf meine Frage hin nicht schreiend weglaufen, aber vielleicht zu Boden gucken, weil er schüchtern ist.

Und genau das trainiert Schule ab.

In der Schule geht es nun genau darum, diese Zustandsdeterminierung und Strukturdeterminierung zu ignorieren. Wenn eine Lehrerin einen Zweitklässler fragt, was 4+7 ist, dann will sie – nachdem sie ihm das Addieren beigebracht hat – die Antwort 11 hören. Und zwar unabhängig davon, ob das Kind gerade Lust hat zu rechnen oder nicht. Diese verlässliche Umwandlung von einem Input – die Frage wie viel 4+7 ist – mittels einer korrekt angewendeten Transformationsfunktion – die Addition – in einen korrekten Output – 11 – ist, was eine triviale Maschine leistet. Nun hat die Lehrerin sicherlich die Möglichkeit, hin und wieder zu berücksichtigen, ob der Zweitklässler Lust hat, schüchtern ist oder in der Pause gerade Krach mit seinem besten Freund hat – als Ausnahme.

Das System hingegen braucht diese Annahme ständig. Die Antwort eines Kindes muss unabhängig davon, wie es ihm geht, unabhängig von seiner Erziehung, seinen Erfahrungen und seinem Charakter als richtig oder falsch klassifiziert werden können. Sonst müsste zu jeder Abiklausur noch eine umfassende Darstellung der Gefühlslage und Lebenswelt der Jugendlichen gereicht werden und selbst dann wäre es sehr schwer, dies in der Bewertung zu berücksichtigen.  

Unter Covid-19 werden Kinder zu Trivialmaschinen gemacht

Apropos Abitur: Dass die Abschlussprüfungen trotz Covid-19 durchgezogen werden, ist ein sehr anschauliches Beispiel dafür, wie sehr das System die Kinder als triviale Maschinen behandelt: Obwohl gerade Pandemie ist und alle irgendwie abgelenkt sind, weil man plötzlich noch ein kleines Virologie-Studium hinlegt, sich um seine Familie und Freunde oder sich selbst sorgt, und eh alles durcheinander ist, sollen Kinder und Jugendliche  weiter durchziehen und zu den Prüfungen antanzen, als sei nichts. Als wären sie eben nicht zustands- und strukturdeterminiert, sondern  triviale Maschinen. 

Die Ignoranz des Systems gegenüber den Kindern ist durchaus sinnvoll.

Aber eben nur für die Eigenlogik des Bildungssystems. In der Familie ist diese Logik nicht sinnvoll. Beim Homeschooling kann also von den Kindern nicht das gleiche Maß an Disziplin verlangt werden, wie in der Schule und es ist ein Unding, von Eltern zu verlangen, dies durchzudrücken. Genauso problematisch ist aber, die Kinder einfach wieder zur Schule zu schicken: Das System Schule wird einfach ignorieren, dass gerade Pandemie ist. Vielleicht gibt es in der ein oder anderen Klasse Versuche der einzelnen Fachkräfte, das aufzufangen, was gerade in den Köpfen der Kinder los ist. Allerdings, und darauf läuft es letztlich hinaus, um zu erreichen, dass die Kinder und Jugendlichen wieder so funktionieren, wie vor Covid-19.

Dass das System Schule ausblendet, dass Kinder und Jugendliche psychische Systeme und eben keine trivialen Maschinen sind, ist aber nicht nur unter Covid-19 problematisch. Es ist immer problematisch, wenn ein System auf falschen Annahmen basiert. Es ist dann brüchig. Inklusion verdeutlicht das: Von einer Zweitklässlerin mit selektivem Mutismus kann eben nicht erwartet werden, dass sie auf die Frage „Wie viel ist 4+7“ laut und deutlich „11“ antwortet. Deshalb haben sich Sondersysteme für Kinder gebildet, deren Zustands- und Strukturdeterminierung nicht so leicht unterdrückt werden kann.

Das bedeutet: Inklusion schafft keine neuen Probleme, sie macht die Unzulänglichkeiten des Systems offenkundig. Dazu gibt es in meiner Doktorarbeit mehr zu lesen, insbesondere in Kapitel 3 „Inklusion im Erziehungssystem“. Ihr könnt sie hier herunterladen.

 

 


3 Gedanken zu “Sind Kinder triviale Maschinen? Unter Covid-19 wird klar: Sie sollen es sein.

  1. Eine überzeugende Darstellung solch einer komplexen Theorie auf die aktuellen Herausforderungen!!!
    Das Bildungssystem will sich – wie jedes System – selbst erhalten. Kommt es zu einer Irritation – also dem aktuellen Entzug von Präsenzzeit – wird offensichtlich das Familiensystem zum Helfer. Soweit gibt es erstmal kein Problem: Ansprüche kann jede Organisation stellen.
    Das Problem besteht jedoch in der Machtstellung von Zertifikaten: Viele Eltern unternehmen größte Anstrengungen, um die Versetzung und damit eine ausreichende Zertifizierung zu gewährleisten. Damit können derzeit Lehrer nahezu jeden Anspruch stellen, der von Eltern erstmal angenommen wird. Dabei fühlen sich viele Familien überfordert. Ein Grund ist sicherlich die Unmöglichkeit die aktuelle Gefühlslage mit ihrer Behandlung als triviale Maschinen zu vereinbaren.

    Dieser Widerspruch spielt sich jedoch täglich in der Begleitung von Hausaufgaben ab. Eltern haben sich der Aufgabe angenommen, die Bedürfnisse von ihren Kindern aufzuschieben oder von ihnen ihre Unterdrückung zu verlangen, damit zuerst die Hausaufgaben erledigt sind.

    Auch in Schwimmkursen oder anderen außerschulischen Unterrichtssettings sehen Eltern zu, wie ihre Kinder zu trivialen Maschinen werden.

    Vielleicht, aber nur vielleicht entfacht eine neue Diskussion über das Lehren und Lernen.

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  2. Herzlichen Dank für einen – endlich! – menschlichen Blick auf die derzeitige Situation und was sie für junge Menschen bedeutet! Und auf ein Problem, das schon so alt ist wie der Schulzwang selbst. Denn ja, dadurch werden junge Menschen, Lebewesen, organismische Wesen als Maschinen vernutzt. Und das geht meilenweit daran vorbei, dass „die Würde des Menschen unantastbar ist!

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