Wie lernen Kinder oder: Was ist Bildung?

Ein Ausflug ins Berliner Bildungsprogramm für Kitas und Kindertagespflege

„Was ist das?“, frage ich meine fast eineinhalbjährige Tochter und deute dabei auf das Bild eines Balls „Ball!“, ruft sie strahlend. „Ja, genau“, gebe ich ihr Feedback. Etwas später deutet sie strahlend auf ein Kreis auf einem Blatt Papier und ruft: „Ball!!“. Faaaalsch! Oder nicht?

Zum Abendessen gibt es Nudeln mit Kräutersoße. Meine Tochter beginnt, alle frischen Kräuter akribisch auszusoriteren und legt sie mit spitzen Fingern an den Tellerrand. „Du kannst die ruhig mitessen“, sage ich. Das Kind guckt mich an, als wolle sie sagen: „Du spinnst ja wohl!“. Hat sie das irgendwie falsch gelernt? Ist ja total unlogisch, was sie macht, oder?

Kann ja nicht so schwer sein: Kräuter = essbar. Ball = das runde Ding in Büchern (meist mit Punkten), das aber außerhalb von Büchern 3D ist und der Kreis ist kein Ball, weil er ja nur 2D ist, und… oh. Hm. Warum ist ein Kreis in einem Kinderbuch ein Ball, aber ein Kreis auf einem anderen Blatt kein Ball? Was ist denn das Wesen eines Balls? Mit diesem Fragen sind wir mitten im kindlichen Lernen.

Lernen ist komplex, Lernen bedeutet die Welt zu erfassen

Lernen ist komplex, weil die Welt komplex ist. Ich bin heute noch damit beschäftigt, sie zu erfassen – dass Lernen ein lebenslanger Prozess ist, ist vor diesem Hintergrund ziemlich einfach zu begreifen. Wir Menschen sind ständig damit beschäftigt, uns ein Bild von der Welt zu machen, es mit dem Bild von anderen und unseren Erfahrungen abzugleichen. „Warum isst Mama das Grüne mit?“, darüber dürfte meine Tochter ziemlich gegrübelt haben. Denn am Nachmittag hat sie gelernt, dass sie das Grüne von den Erbeeren abmachen muss, bevor sie sie isst.

Die Kräuter auszusortieren, war also ziemlich clever.

Sie hat nicht mit dem Essen gematscht, sondern sie hat sich gebildet. Sie wurde nicht gebildet, sondern hat sich aktiv ein Stück Welt angeeignet. Was genau ihr Bild bezüglich der Kräuter gerade ist, weiß ich natürlich nicht, aber mittlerweile pult sie die nicht mehr raus – das Grüne an der Erdbeere hingegen schon.

Was bedeutet „Bildung“?

Bildung ist die Aneignungstätigkeit, mit der sich der Mensch ein Bild von der Welt macht, sie verantwortlich mitgestaltet und sich dadurch als selbstwirksam erlebt.

Berliner Bildungsprogramm 2014, S. 13

In dieser Bildungsdefinition gibt es drei Ebenen:

  • Das Kind in seiner Welt (das Kind macht sich ein Bild von sich selbst in dieser Welt)
  • Das Kind in der Kindergemeinschaft (das Kind macht sich ein Bild von anderen und sozialen Beziehungen in dieser Welt)
  • Weltgeschehen erleben und erkunden (das Kind macht sich ein Bild von dieser Welt und gestaltet diese verantwortlich mit anderen mit).

Aneignung von Welt bedeutet also nicht, dass Kinder (sofort) alles richtig machen

– also richtig in dem Sinne, wie Erwachsene es definiert haben. Vielmehr ist Bildung als Aneignung ein Prozess, der eine gewisse Ergebnisoffenheit erfordert. Früher hätte man zu meiner Tochter wahrscheinlich gesagt: „Du spinnst, iss jetzt die Kräuter mit“ – was hätte sie dann gelernt? Dass man die essen kann? Dass man Grünes offenbar doch essen kann? Dass man alles essen kann, was einem jemand auf den Teller tut? Oder auch: Dass Erwachsene sauer werden, wenn man mit den Fingern was aus dem Essen pult (warum auch immer?). Dass Erwachsene entscheiden, was man essen kann und was nicht?

Lernen als Black Box?

Wenn man sich Bildung und Lernen nicht als aktiven Aneignungsprozess vorstellt, sondern eher als eine Art Blackbox (wie im Behavorismus, der z. B. der ABA zu Grunde liegt), dann würde man davon ausgehen, dass das Kind lernt, dass es die Kräuter essen kann, wenn man einen entsprechenden Input gibt. Zum Beispiel den Befehl: Iss die Kräuter. Kind stirbt nicht, zack, Kräuter sind essbar. Nun kann man mit solchen Methoden durchaus Einfluss auf das Verhalten des Kindes nehmen: Wenn ich mein Kind zum Aufessen zwinge, dann isst es vielleicht auf. Wenn ich ihm einbläue, immer bitte und danke zu sagen, dann tut es das wahrscheinlich irgendwann und wenn ich es lange genug schreien lasse, dann schläft es bestimmt irgendwann von selbst ein. Im Behaviorismus wird nun davon ausgegangen, dass das entsprechende Verhalten „gelernt“ wurde.

Ich (und das Berliner Bildungsprogramm) würden diesen Vorgang nicht als „lernen“ bezeichnen. Es ist eher eine Konditionierung, eine Programmierung. Ausgegangen wird vom gewünschten Verhalten (Output) und es wird ein Input (Anreiz) gesucht, der dieses Verhalten bewirkt. Was im Kopf des Kindes (Black Box) geschieht, ist irrelevant.

Das Problematische an der Sache ist nicht das gewünschte Verhalten (es ist völlig legitim, bestimmte Verhaltensweisen zu wünschen und andere nicht). Problematisch sind manchmal der Input und das, was in der Black Box, im Kopf des Kindes, passiert.

Denn der Kopf des Kindes ist keine Black Box.

Es findet ja trotzdem Weltaneignung statt. Nur lernt das Kind nicht nur, das gewünschte Verhalten zu zeigen, z. B. einzuschlafen, sondern es lernt vor allem, das Erwachsene gegen seinen Willen Verhaltensweisen erzwingen können, dass das offenbar okay ist, dass es in seiner Not und Verzweiflung allein gelassen wird. Was für ein Weltbild wird es dabei entwickeln?

Es ist deshalb enorm wichtig, gute Lern- und Bildungsbedingungen zu schaffen!

Lernen als aktiver Aneignungsprozess, bei dem das Kind im Mittelpunkt steht und selbsttätig ist, bedeutet keineswegs, dass sich nun die Erwachsenen zurücklehnen und in Ruhe Kaffee trinken können (wobei es manchmal das beste sein kann!). Sie müssen aber, und das ist besonders für Fachkräfte gar nciht so einfach, lernen, sich selbst zurückzunehmen, dem Kind zu vertrauen und eher im Hintergrund tätig zu sein. Dabei müssen sie aushalten, dass andere Erwachsene denken könnten, sie würden nur dasitzen und Kaffee trinken (während sie eigentlich gerade die aktive Aneignungstätigkeit des Kindes beobachten). Konkret ergeben sich aus den Definitionen von Bildung entsprechende Aufgaben für die Erwachsenen:

Bildung ist ein aktiver Prozess – das Kind muss also Gelegenheit haben, selbst etwas zu erkunden. Man kann die Lerninhalte nicht in ein Kind einfüllen, sie müssen sie selbst suchen. Erwachsene müssen entsprechend sichere Umgebungen schaffen.

Bildung ist sinnliche Erkenntnistätigkeit – Erkenntnisse werden mit den verschiedenen Sinnen gewonnen. Kinder müssen matschen, riechen, tasten, brabbeln, sehen, fühlen dürfen. Erwachsene müssen sie vor Reizüberflutung schützen.

Bildung ist lustvoll – Kinder sind glücklich, wenn sie etwas erfahren. Lernen macht Spaß – es gibt keine „richtige“ Bildung, die ernst ist, und wischiwaschi-Bildung, die Spaß macht. Bildung ist Spiel! Erwachsene müssen das entsprechend feebacken und an der freude der Kinder teilhaben.

Bildung ist soziale Praxis – Kinder brauchen andere Kinder und andere Erwachsene, um ihre Weltbilder abzugleichen und zu bauen. Weltbilder werden gemeinsam kreiert (man spricht dabei von „Bildung als ko-konstruktivem Prozess“). Erwachsene müssen Kindern verlässliche Beziehungspartner sein.

Und was ist das Ziel des Ganzen?

Also, das klingt ja alles schön, mit der aktiven Aneignung und dass das lustvoll ist und so. Aber was ist, wenn das Kind in die Schule kommt? Muss es da nicht bestimmte Kompetenzen haben? Was sind überhaupt Kompentenzen und wie können Kinder sie erreichen?

Was denkt ihr? Kann man Kompentenzen festlegen, die Kinder am Ende der Kita haben sollten? Wenn ja, was könnten das für Kompetenzen sein?


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