Warum wir nicht einfach Inklusion machen: Ein Blick auf die Entwicklung des Sonderschulsystems

Um zu verstehen, warum Inklusion so schwierig umzusetzen ist, lohnt ein Blick auf die Geschichte des allgemeinen Schulsystems und des Sonderschulsystems. Interessanterweise gibt es kein Fachbuch, in dem beides gemeinsam behandelt wird. Deshalb habe ich das in meiner Dissertation nachgeholt. Hier gebe ich euch nun einen kleinen Einblick in die Entwicklung der Bildung von Kindern mit Behinderungen. Schauen wir zunächst auf die Anfänge im 18. Jahrhundert. Wie auch bei nicht behinderten Kindern geht es dabei um die Bildung armer Kinder – Kinder aus reichen Familien hatten stets Zugang zu Bildung in Form von Privatunterricht.

Die Bildung behinderter Kinder geht auf die Initiative von Einzelpersonen zurück.

1763 begann Abbé de l’Epée mittellose gehörlose Kinder in Paris in seinem Privathaus zu unterrichten. Seine Bedeutung erhielt er auf Grund seiner methodischen Überlegungen, die die Gebärdensprache hervorbrachten. Sie standen im Gegensatz zur Methodik der Lautsprache, deren Vertreter Samuel Heinicke 1778 zum Leiter der ersten staatlichen Taubstummenanstalt in Leipzig ernannt wurde. Auch bei der Gründung der ersten Schule für Blinde (1784 von Valentin Haüy) stand die Entwicklung einer eigenen Unterrichtsmethodik im Vordergrund.

Geht es um Bildung als Selbstzweck oder um Brauchbarmachung der Kinder?

Die gegründeten Institutionen nahmen unterschiedliche Entwicklungen: An den privat gegründeten Schulen von Abbé de l’Epée und Valentin Haüy und Samuel Heinicke standen Bildungsinhalte im Vordergrund, wobei die Brauchbarmachung der Kinder ebenfalls eine Rolle spielte. Die Verstaatlichung der Anstalten l’Epées und Haüys nach dem Tod Haüys Ende des 18. Jahrhunderts führte dazu, dass der Bildungsanspruch der Anstalt zurückgefahren wurde. Nach einem Führungswechsel kurze Zeit später verlor die Taubstummenanstalt den Bildungsanspruch völlig – einziges Ziel war die Disziplinierung und Brauchbarmachung der Insassen, wobei die Anstalt den Charakter einer totalen Institution annahm.

Samuel Heinicke versuchte seine Methode der Lautsprache im Elementarbereich des allgemeinen Schulsystems zu verbreiten. Heute würde man dies als „umgekehrte Inklusion“ bezeichnen können. Er scheiterte jedoch mit dieser Idee.

Bildung für alle mit Humboldt?

Mit dem Humbodt’schen Bildungsideal wurde die Idee der Bildung für alle tatsächlich ausgebaut.

Es gab eine grundsätzliche Bereitschaft der preußischen Bildungsadministration, auch behinderte Kinder an Bildung teilhaben zu lassen. Die Gehörlosen- und Blindeninstitute wurden an das Erziehungsministerium angeschlossen. Das in Berlin gegründete königliche Taubstummeninstitut entwickelte sich zu einer Institution, in der ein festes Kollegium feste Gruppen unterrichtete und zwar, für diese Zeit progressiv, mit einer gewissen Offenheit des Unterrichts. Außerdem professionalisierte sich in dieser Zeit die Sonderpädagogik: 1831 trat eine erste Prüfungsordnung für Taubstummenlehrer in Kraft, es kam zur Gründung von Fachzeitschriften sowie zu Veranstaltungen und Kongressen.

Im Allgemeinen Schulsystem gab es eine interessante Entwicklung: Es wurden erste „Nachhilfeklassen“ gegründet.

1820 veröffentlichte einer ihrer Lehrer eine Schrift, in welcher er das „normale Kind“ vom „schwachbegabten Kind“ abgrenzte. Der Förderschwerpunkt Lernen war erfunden.

Der richtige Zeitpunkt für Inklusion?

In diese Zeit fällt ein erster Versuch der Inklusion, die so genannte Verallgemeinerungsbewegung. Der Name ergibt sich aus dem Ziel, die Möglichkeit der Bildung kostengünstig in die Allgemeinheit zu tragen. In der Provinz Sachsen und in Brandenburg wurden gehörlose bzw. blinde Kinder versuchsweise an allgemeinen Schulen unterrichtet. Die Lehrkräfte sollten dafür speziell ausgebildet sein. Es entstanden kombinierte Lehrerseminare. Die Verallgemeinerungsidee scheiterte jedoch an den Bedingungen im allgemeinen Schulsystem. Zu den hohen Klassenfrequenzen von 50 bis 100 Schulkindern und dem Mangel an technischen Unterstützungsmöglichkeiten kam der Mangel an methodisch-didaktischen Kenntnissen für den Unterricht mit gehörlosen Kindern hinzu.

Das Unnormale wird erfunden

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erstarkte die Idee des Sozialdarwinismus.

Das Sonderschulsystem wählte die Medizin als Bezugswissenschaft, was mit einer Aufwertung des Berufsstandes einherging. Es erschienen die „Pädagogische Pathologie“ sowie die „Pädagogik der Schwachsinnigen“, in welcher die Autoren das „normale“ Kind vom „anormalen“ abzugrenzen suchten. Es wurden Heil- und Pflegeanstalten gegründet, die jeglichen Bildungsanspruch verloren. Die Idee der Bildungsunfähigkeit wird bestimmend in der Sonderpädagogik. Die Hilfsschule, die aus den Nachhilfeklassen im allgemeinen Schulsystem hervorging, rückt stärker in den Fokus der Sonderpädagogik:

Im Jahr 1864 wurde die Hilfsschule eine eigenständige Schulform. Sie wurde nach Vorlage der „Pädagogik der Schwachsinnigen“ als Schule für „Schwachsinnige“ ausgebaut. „Schwerschwachsinnigen“ Kindern wurde die Bildungsfähigkeit abgesprochen.

Grundschule für alle?

In der Weimarer Republik wurde das Bildungssystem demokratisiert und die vierjährige Grundschule für alle setzte sich durch. Dass die Grundschule eine Schule für alle sein sollte, führte in den Hilfsschulen zu Rechtfertigungsdruck. Denn wieso sollte es eine spezielle Schule für Kinder geben, die langsamer Lernen als die anderen Kinder? Um die Existenz der Hilfsschulen zu rechtfertigen, wurde das Hilfsschulkind als gänzlich „Andersartig“ definiert: Es lernt nicht langsamer, sondern bedarf einer besonderen Pädagogik.  

Als Bildungsunfähigkeit tödlich war

In der nationalsozialistischen Diktatur konnte die Diagnose „bildungsunfähig“ tödlich sein. Oberstes Gebot in der nationalsozialistischen Diktatur war die Unterordnung des Individuums unter die „Volksgemeinschaft“. Rassenlehre und Erbgesundheit sollten über die Schulbildung entscheiden. Dies scheiterte allerdings, weil diese Art der Selektion nicht genügend intelligente Leute in hohe Positionen brachte. Die Hilfsschule geriet wieder unter Rechtfertigungsdruck, wurde schließlich aber als für die „Volksgesundheit“ wichtige Institution ausgebaut: Nur sie könne die Kinder noch zu wertvollen  Teilen des „Volkskörpers“ machen.

Mit dem Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses 1933 kam es zu einem regen Ausbau  der Diagnostik. Ab Ende der 1930er Jahre kam es zu systematischen Mordaktionen an Kindern, die, unter maßgeblicher Beteiligung von Lehrern, Sonderpädagogen und Wissenschaftlern, als bildungsunfähig diagnostiziert wurden.

Die Nachkriegszeit

In der Nachkriegszeit stand sowohl in der BRD als auch in der DDR die Idee der Wiedergutmachung im Fokus der Bildungspolitik. Nichtsdestotrotz wurde in beiden Ländern die Kategorie der Bildungsfähigkeit beibehalten. In der DDR geriet die Hilfsschule erneut unter Rechtfertigungsdruck, weil die Kritik aufkam, die Hilfsschule sei eine Schule für arme Kinder. Gerechtfertigt wurde die Hilfsschule mit der Medizin als Bezugswissenschaft und der Erfindung von diagnostischen Verfahren, mit denen Hilfsschulkinder eindeutig identifiziert werden sollten.

In der BRD wurde, unter anderem mit der Begründung der Notwendigkeit der Entlastung des Allgemeinen Schulsystems, das Sonderschulsystem ausgebaut. In beiden Ländern gab es Bemühungen, ein integratives System zu schaffen. In der DDR wurden solche Bemühungen als klassizistisch kritisiert. In der BRD scheiterten die Versuche am Widerstand konservativer Kräfte, wobei sozial-liberal regierte Länder Schulversuche zuließen.

Der Sonderpädagogische Förderschwerpunkt wird erfunden

Nach der Wiedervereinigung wurde im Wesentlichen das Schulsystem der BRD übernommen. Die Salamanca-Erklärung 1994 gab der gemeinsamen Bildung behinderter und nicht behinderter Kinder Rückendeckung. Entsprechend schrieb die KMK 1994 größtmögliche Teilhabechancen für Kinder mit Behinderungen fest. Die Kategorie Bildungsfähigkeit wurde abgeschafft, der Begriff Sonderpädagogischer Förderschwerpunkt wird amtlich und ersetzt den Behinderungsbegriff.

Dadurch passiert etwas Interessantes. Es wird die Möglichkeit geschaffen, das sonderpädagogische System im Allgemeinen Schulsystem stattfinden zu lassen: Kinder können im Allgemeinen Schulsystem mit Bezug zum sonderpädagogischen Förderschwerpunkt gefördert werden; die institutionellen Grenzen zwischen dem Allgemeinen und dem Sonderschulsystem verwischen.

Mehr Druck: Die UN-Behindertenrechtskonvention

Durch die UN-Behindertenrechtskonvention ist Inklusion im schulischen Bereich auf die politische Agenda von Bund und Ländern gerückt. Diskutiert wird dabei immer wieder über den Sinn des gemeinsamen Unterrichts von Kindern mit und ohne Behinderung. Als Gegenargumente hört man von hohen Klassenfrequenzen, mangelnden Unterstützungsmöglichkeiten und unzureichenden methodisch-didaktischen Kenntnissen für den Unterricht.

Moment.

Jetzt hab ich einfach die Gegenargumente aus den 1830ern hier rein kopiert.

Das scheint mir etwas kurz gegriffen. Was ist der wirkliche Grund dafür, warum wir nicht einfach Inklusion machen? Einen habe ich hier gerade dargestellt: Das Sonderschulsystem ist historisch gewachsen und lässt sich nicht so einfach abschaffen.

Doch warum machen wir nicht einfach Inklusion?

Wer mehr darüber erfahren möchte, dem lege ich meine Dissertation „Warum machen wir nicht einfach Inklusion“ nahe. In Kapitel 2 stelle ich die Geschichte des Allgemeinen Schulsystems und des Sonderschulsystems detailliert dar. Dabei nehme ich eine systemtheoretische Perspektive ein und frage danach, ob es sich beim Allgemeinen Schulsystem und beim Sonderschulsystem um zwei eigenständige Systeme handelt.

Meine Dissertation ist als Print-Version zu kaufen oder als e-book open access, also kostenlos zum Download erhältlich [klick]


6 Gedanken zu “Warum wir nicht einfach Inklusion machen: Ein Blick auf die Entwicklung des Sonderschulsystems

    1. Liebe Xeniana, das stimmt zwar, aber es geht weiterhin der größere Teil der Kinder mit Behinderungen auf Förderschulen (rund 60%), obwohl die UN-BRK vor über zehn Jahren in Kraft trat. Die Zahlen von Kindern mit Behinderungen in Regelschulen stagnieren auch eher bzw. gehen sogar zurück.
      Viele Grüße!

      Gefällt 2 Personen

      1. Ich stehe der Inklusion zwiespältig gegenüber. Es bräuchte sehr viel mehr Gelder . Die Förderschulen waren darauf ausgelegt in kleinen Klassen zu unterrichten, die Lehrer hatten Sonderschulpädagogik studiert. Jetzt ist ein Klassenlehrer oft überfordert, weil es einfach nicht schaffbar ist und eine Schulbegleitung ist eben eine Schulbegleitung und keine Lehrkraft. Ich fand es verrückt eine Vielzahl der Förderschulen zu schließen, Integrations und heilpädagogische Kindergärten zu minimieren. Natürlich lernt im inklusiven Rahmen jeder voneinander, aber es zu Lasten der Förderung die meiner Meinung nach in so einem Rahmen sehr viel weniger Chancen hat.

        Liken

  1. Das System der Förderschulen allgemein ist nicht das Problem. Sondern dass zu 70 % der Menschen keinen Schulabschluss im dem Sinne dort erhalten. Selbst wenn einige, wie ich, einen Schulabschluss schaffen und danach einen Berufsabschluss nachweisen können, hat die freie Wirtschaft keinen einzigen Grund, Schwerbehinderte einzustellen. Weil die WfbM´s sehr hoch subventioniert werden und die Ausgleichsabgaben der Unternehmen viel billiger sind, als die Personalkosten. Selbst das Budget für Arbeit noch teurer als die Ausgleichsabgabe. Finden wir den Fehler.

    Gefällt 1 Person

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