Lehrkräfte können doch nicht alles können! Über Differenzierung und Diagnostik

Wie soll eine Lehrkraft jedem Schulkind gerecht werden? Sie steht allein in der Klasse, hat 25 plus x Kinder vor sich, die alle unterschiedlich sind. Kinder haben verschiedene Interessen, unterscheiden sich in ihrer Leistung, Motivation, in der Unterstützung, die sie von zu Hause bekommen und vielem mehr. Das macht den Beruf der Lehrkraft zu einem der anspruchsvollsten. Warum ist es so schwer, dieser Unterschiedlichkeit gerecht zu werden?

Erklären kann das das so genannte Angebot-Nutzungs-Modell des Erziehungswissenschaftlers Andreas Helmke.

Es ist derzeit das prominenteste Modell zur Erforschung von Unterrichtsqualität. Was sagt es? Eigentlich ganz einfach: Der Unterricht, den die Lehrkräfte durchführen, ist ein Angebot. Dieses Angebot wird durch die Schulkinder genutzt (oder nicht). Das bedeutet, dass nicht nur der Unterricht an sich beeinflusst, was das Kind lernt, sondern vor allem die Nutzung des Unterrichts durch das Kind entscheidend ist.

Für die Gestaltung des Unterrichts spielen dabei die Bedingungen an der jeweiligen Schule eine bedeutende Rolle, z. B. Klassengröße, Anzahl Lehrkräfte in der Klasse, Ausstattung usw. Die Nutzung des Unterrichts wird durch die Eigenschaften des Kindes mitbestimmt und – ganz entscheidend – durch die Passung zwischen Angebot und Nutzerin bzw. Nutzer.

Das bedeutet:

Für verschiedene Kinder muss es verschiedene Angebote geben.

Das nennt man in der Pädagogik Differenzierung.

Auf dieses Erfordernis wurde klassisch damit reagiert, dass versucht wurde, Kinder so in Gruppen einzuteilen, dass sie sich möglichst gleichen und folglich das selbe Angebot gleich wahrscheinlich nutzen (können). Dafür gibt es verschiedene Schultypen, Fördergruppen, Begabungsklassen usw. Das nennt sich äußere Differenzierung.

Allerdings: Die Annahme der Gleichheit war schon immer eine Illusion. Auch am Gymnasium sind die Schüler und Schülerinnen so unterschiedlich, dass sie verschiedene Unterrichtsangebote brauchen, um optimal lernen zu können.

Wenn Lehrkräfte innerhalb einer Grupe unterschiedliche Unterrichtsangebote machen, dann ist das innere Differenzierung. Differenzieren können sie z.B. den Schwierigkeitsgrad, die Inhalte, die Zugänge, den Bearbeitungsmodus u.v.m.

Aber wie soll man das denn alles schaffen?

Ganz einfach: In dem man es macht. Viele Verlage stellen differenzierende Unterrichtsmaterialien zur Verfügung, dutzende Konzepte setzen auf das Aufbechen von reinem Frontalunterricht. Und letztlich: Genau das ist die Aufgabe von Lehrkräfte, nämlich Kindern und Jugendlichen ein passgenauesAngebot zu machen und eben nicht Unterricht nach dem Motto: Alle lernen zur gleichen Zeit das gleiche mit den gleichen Methoden zu gestalten.

Aber wäre es nicht einfacher, Gruppen von Gleichen zu bilden?

Nö. Innere Differenzierung mag anspruchsvoll für Lehrkräfte sein, aber es ist ihr Kerngeschäft, ihre Hauptkompetenz: Die Gestaltung von Unterricht ist, warum Lehrkräfte Lehrkräfte sind. Um äußere Differenzierung betreiben zu können, müssen Lehrkräfte aber über ein enormes Ausmaß an diagnostischen Kompetenzen verfügen. Sie müssten, im Gegensatz zur inneren Differenzierung, nicht nur wissen, wo ein Kind jetzt steht, was es jetzt kann und was noch nicht, sondern sie müssten wissen, zu was das Kind in fünf Jahren und später fähig sein wird und zu was es niemals fähig gewesen sein wird.

Neben diagnostischer Kompetenz müssten Lehrkräfte also weit in die Zukunft hinein prognostizieren können.

Aber so ist es doch?

Nö. Es ist zwar so, dass Lehrkräfte diese Prognosen treffen, z.B. bei der Empfehlung für die weiterführende Schule. Aber das heißt noch lange nicht, dass diese prognosen auch valide, d.h. gültig und korrekt, sind. Damit werden Chancen verbaut, wie zum Beispiel der Fall Nenad eindrücklich zeigte.

Eine Fehldiagnose bei innerer Differenzierung hingegen würde zu einer Nicht-Passung zwischen Angebot und Bedürfnis des Kindes führen, was sich zeitnah zeigen würde – und korrigiert werden könnte.

Kurz: Eine korrekte prognostische Diagose ist schwieriger als passende innere Differenzierung. Eine falsche prognostische Diagnose hat verherendere Konsequenzen als eine unpassende Differenzierung.


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