Der Fall Nenad: Ein praktisches und wissenschaftliches Desaster

Ein Beitrag unter Mitwirkung der Studentin Nadine

Kurzinfo: Nenad verklagt das Land NRW auf Schadenersatz wegen entgangener Bildungschancen. Bis zu seinem 18. Lebensjahr musste er eine Förderschule für Kinder mit geistiger Behinderung besuchen. Mit Unterstützung des mittendrin e.V. konnte er schließlich auf ein Berufskolleg wechseln, wo er seinen Hauptschulabschluss nachholen konnte und den Realschulabschluss anstrebt. [mehr Infos? –> klick]

Warum wurde der offenbar nicht behinderte Junge auf eine Förderschule überwiesen?

Zurück geht die Einstufung auf einen Intelligenztest, in dem Nenad ein Intelligenzquotient (IQ) von 59 bescheinigt wurde – damit war eine geistige Behinderung angezeigt.

Allerdings ist da testtheoretisch (und praktisch) einiges schief gelaufen.

Eine spätere zweite Messung ergab einen durchschnittlichen IQ von 94. Eine so große Entwicklung des IQs ist extrem unwahrscheinlich. Viel wahrscheinlicher ist, dass mindestens eine der Messungen Quatsch war.

Jede wissenschaftliche Messung muss bestimmten Gütekriterien, im Sinne von Qualitätskriterien, genügen. An dem Fall von Nenad wird deutlich, wie wichtig diese Kriterien sind, und wie hoch ihre praktische Relevanz auch für Sonderpädagogen und Lehrkräfte ist.

Auf die Messung kann man sich nicht verlassen!

Eine wissenschaftliche Messung muss bei einer Wiederholung unter denselben Bedingungen zu demselben Ergebnis kommen. Bei dem Fall von Nenad wurden zwei deutlich voneinander abweichende IQ-Werte festgestellt. Ein Thermometer, das heute 26 Grad und morgen 36 Grad anzeigt, obwohl sich die Temperatur nicht verändert hat, ist kaputt. So wie man das Thermometer entsorgen würde, gehört auch der unzuverlässige IQ-Test in den Müll. Wir wissen nicht, welcher Test verwendet wurde – aber hoffentlich ist er schon in der Mottenkiste der Tests verschwunden.

Abgesehen davon hätte ein Wiederholungstest schon viel früher durchgeführt werden müssen, um einem Kind einen frühestmöglichen Wechsel und somit auch einen Abschluss und einen leichteren Übergang ins Arbeitsleben zu ermöglichen. Hätte man also schön früher gemerkt, dass der erst gemessene IQ von Nenad nicht seinem eigentlichen entspricht, hätte man seinem Wunsch zu einem Wechsel auf eine Regelschule nachkommen müssen. Damit hätte man ihm einiges erspart.

Die Messung war nicht valide!

Dieses Kriterium, die Validität (= Gültigkeit) gibt den Grad der Genauigkeit an, mit dem ein Test das erfasst, was erfasst werden soll. In dem Fall von Nenad wurde in dem ersten Intelligenztest weniger sein IQ gemessen, sondern mehr seine Sprachkenntnisse. Da er zu diesem Zeitpunkt zwar Romanes, aber kein Deutsch sprach, fiel der Test schlecht aus. Somit hat dieser Test nicht das gemessen, was er sollte, weil Nenad gar nicht verstand, was man in dem Test von ihm wollte – das Ergebnis ist also, wie ein falsch gestempelter Fahrschein, ungültig. Während man bei einer Kontrolle in der Bahn jedoch hofft, dass das mit der Gültigkeit nicht so genau genommen wird, ist es hier genau andersherum: Die Gültigkeit der Messung, dass eben wirklich Intelligenz, und nicht Sprache, Wissen, Geld, Sympathie oder sonst was gemessen wird, ist das wichtigste Qualitätskriterium für Messungen.

Die Messung war also insgesamt Quatsch.

Was nun? Zur Zeit läuft der Prozess Nenad M. gegen das Land NRW noch. Dafür wird noch finanzielle Unterstützung benötigt.

Wir wünschen Nenad viel Erfolg für den Prozess und seinen weiteren Bildungsweg!


Zur Co-Autorin: Nadine lebt in Ludwigsfelde und studiert Lehramt an der Universität Potsdam mit den Fächern Deutsch, Mathematik und Inklusion.

Hier gibt es mehr Informationen zum Hintergrund der studentischen Gastbeiträge


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