Wie war der Notendurchschnitt? Eine Lehramtsstudentin erinnert sich

Ein studentischer Gastbeitrag von „anonymes Einhorn“ zur Frage: Sollen Lehrkräfte Durchschnittsnoten berechnen?

Denke ich an Durchschnittsnotenberechnungen in meiner Schulzeit, fällt mir immer sofort der Mathematikunterricht ein. Denn auch wenn unsere Lehrerin den Median statt des Mittelwertes ausgerechnet hätte, wäre ich genauso deprimiert gewesen – wie eigentlich immer. Und dann noch dieser Junge, dessen Mutter Mathelehrerin war und ihm wahrscheinlich schon seit der Geburt jeden Tag Mathestunden gegeben hatte und dem deswegen vermutlich alles genauso zuflog, wie die Einsen und Eins Plussen bei jedem Mathetest. Die Mitglieder des Matheclubs in der Fensterreihe triumphierten, die Streberin aus der ersten Reihe prahlte noch den ganzen Tag mit ihrer überdurchschnittlich guten Note.

 Und ich? Ich war mal wieder schlecht.

Noch viel schlechter als schlecht. Und dabei hatte ich seit einem halben Jahr kein Wochenende ohne meine Mathenachhilfe verbracht. Alle Hausaufgaben zuhause konnte ich selbstständig lösen und konnte mich auch mal über eine so tolle Note freuen, aber ging es um einen Test, eine Klassenarbeit oder Klausur, war das Ergebnis einfach nur zum Heulen! Die Fragen meiner Freundinnen hätten mir schon gereicht aber nein, meine superschlaue Mathelehrerin gab die Arbeiten auch noch selbst aus, verkündete laut und deutlich die Zensur und ihren persönlichen Kommentar. Damit auch der letzte Quatschkopf am anderen Ende des Raumes verstehen konnte, welche Schülerund Schülerinnen blöd und welche schlau zu sein schienen, wurde anschließend gemeinsam der Durchschnitt der Arbeit berechnet.

Derjenige, der das Ergebnis zu erst ausgerechnet hatte, bekam auch noch einen Pluspunkt.

Dabei hatte ich echt andere Dinge zu tun, zum Beispiel zu versuchen meine Fassung zu bewahren und mich nicht innerhalb von fünf Sekunden in eine wasserfallsprudelnde Furie zu verwandeln oder meine Schminke zu retten, damit ich nicht den restlichen Tag lang für einen Zombie gehalten würde. Schluss also mit dem Geschwafel.

Fakt ist: Mittelwert hin oder her. Diese Berechnung ist einfach nur quatsch.

Leute, die gut in Mathe sind, sollten echt allein dazu in der Lage zu sein, auszurechnen wie gut sie sind. Darunter brauchen nicht auch noch die leiden, die wöchentlich zehn Stunden ihrer kostbaren Freizeit mit Mathenachhilfe zubringen und trotzdem nichts als Missachtung von der Lehrkraft erfahren. Dann ist es auch kein Wunder, wenn niemand mehr motiviert ist, sich immer wieder aufs Neue anzustrengen, mit dem Hintergedanken, dass es am Ende sowieso nichts nutzt.

Natürlich gab es nicht nur Fächer, in denen ich schlichtweg unbegabt war – das waren eigentlich alle anderen Fächer, die es so gab. Trotzdem war ich in Deutsch und Englisch auch nicht wirklich sicher, was diese Berechnung einer Durchschnittsnote sollte. Einmal schrieb mein Banknachbar meinen ganzen Deutschaufsatz ab und bekam komischerweise eine bessere Note als ich.

Mal ganz ehrlich, wenn der Notenspiegel nur ein Abbild der Stimmungsschwankungen der Lehrkraft ist,

… wäre dann die Berechnung des Durchschnitts also so etwas wie die neutrale Position ohne Vorurteile gegen die Schüler und Schülerinnen? Gerade bei Unterrichtsfächern, bei denen das Ergebnis einer Arbeit nicht eindeutig falsch oder richtig und relativ abhängig vom subjektiven Blick der Lehrkraft ist, macht die Durchschnittsnote also noch weniger Sinn als ohnehin schon. Der Lernstand einer Schülerin oder eines Schülers sollte aber normalerweise am besten von einer guten Lehrkraft eingeschätzt werden können. Diese beobachtet im Idealfall die Entwicklung ihrer Schülerinnen und Schüler über mehrere Jahre und sollte ganz genau beurteilen können, wo die Schwächen, aber vor allem auch die Stärken eines Kindes im Vergleich zu anderen Kindern liegen. Natürlich kann nicht nach jedem Test ein Elterngespräch stattfinden, in dem die Eltern erfahren möchten, wo denn ihr Kind nun in der Klasse steht, aber um dies wirklich herauszufinden, wäre es zumindest ein Schritt in die richtige Richtung.

Über die Autorin: „Anonymes Einhorn“ studiert Lehramt in der Fächerkombination Englisch und Sport an der Universität Potsdam und war sowohl in der Grundschule, als auch später am Gymnasium ein ehrgeiziger Schüler – auch wenn es ihm die Durchschnittsnoten nicht immer leicht machen wollten.


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