Zu Besuch in einer Förderschule

Heute habe ich meinen Elfenbeinturm (der eigentlich nur ein langweiliger zweistöckiger Flachbau ist) verlassen und eine Förderschule besucht, denn ich wollte mit der Leitung ein Interview zum Thema Inklusion führen. Der Leitung, nennen wir sie Frau Fit, war es wichtig, mir vorher die Schule und ganz besonders auch die Schulkinder zu zeigen. Von meinen subjektiven Eindrücken möchte ich heute erzählen.

Die Kinder waren „so richtig behindert“

So beschreibt der Bruder von Lotta in dem Buch „Lotta Wundertüte“ von Sandra Roth seine Schwester an einer Stelle und ich glaube, Frau Fit hätte das auch gerne so gesagt.

Ich meine damit, dass die Kinder dort mehrere Förderschwerpunkte hatten, also neben dem Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung auch noch Hören, Sehen, beides oder Autismus.

Das macht es natürlich kompliziert und Inklusion ist schwerer vorstellbar als bei Kindern z. B. mit dem Förderbedarf Lernen oder bei Kindern, die einen Rollstuhl nutzen, am Unterricht aber ohne weiteres teilhaben können.

Inklusion muss aber alle umfassen.

Auch Schwermehrfachbehinderte. Finde ich.

Auf dem Weg zur Förderschule komme ich an Lernwerkstätten vorbei; ich kann von der Straße aus durch die Fenster sehen. Den Weg zum Schulgebäude finde ich dank der Beschreibung von Frau Fit gut, auch die farbliche Gliederung der Etagen hilft.

Ich muss durch die blaue Tür, gehe aber versehentlich durch die rote. Ich befinde mich in einem hellen Flur, von dem mehrere Türen abgehen. Sie sind beschriftet mit „Klasse 1a“ oder „Sehförderung“. Ein Kind kommt mir mit einer erwachsenen Person entgegen. Legt sich auf den Boden. Ich lächle die Personen, die mir begegnen, an und grüße. Die Erwachsenen grüßen zurück, die meisten Kinder scheinen mich nicht zu sehen.

Ich denke: Erwachsene scheint man hier gewohnt zu sein.

Ich hätte eine Etage höher gemusst, merke ich, und suche die blaue Tür. Ich laufe den Flur zurück. Mir fällt auf, dass es hier überall ziemlich leise ist. Obwohl vereinzelt Kinder auf dem Flur sind. Mit Erwachsenen.

Und dann bekomme ich eine richtige Führung.

Wir beginnen in der untersten von drei Etagen. Auf jeder Etage gibt es Klassenräume. Insgesamt gehen hier 30 Kinder zur Schule. Es hängen Bilder der Kinder und Klassenlehrer bzw. Lehrerinnen an den Türen. Eine Klasse besteht aus drei bis fünf Kindern und mindestens zwei Erwachsenen. Alle sehen glücklich aus.

Wir schauen in die Klassen hinein, Frau Fit stellt mir jedes Kind und jeden Erwachsenen mit Namen vor. Ein Mädchen heißt wie die Tochter einer Kollegin, ist ungefähr so alt und sieht ihr auch ein bisschen ähnlich. Ich mag sie sofort.  Auch ich werde jeweils kurz vorgestellt.  In dieser Zeit, jeweils etwa eine Minute, versuche ich, mir so schnell wie möglich alles zu merken: In vielen Klassen sind es die Kinder, die an einem Tisch sitzen mit Erwachsenen und frühstücken. In einer anderen Klasse wird eine Art Domino mit Formen und Farben gespielt. In einem Raum läuft ein Kind auf dem Laufband, eine Erwachsene steht daneben. Woanders spielt ein Kind Klavier und die Erwachsenen sitzen am Tisch und machen gerade Pause. Ein Junge schiebt seinen Rollator in Begleitung einer Erwachsenen über den Flur. Sie ist Schlucktherapeutin. Viele Kinder seien von Geburt an über eine Sonde ernährt worden, erklärt Frau Fit, sie müssen das normale essen erst einmal lernen. Der Junge hat sich verschiedene Essenssachen ausgesucht, die er heute in den Mund nehmen mag.

In einem anderen Raum ist ein Mädchen an einer Art Tablet und singt, ein anderes Kind liegt auf einer Matte und beschäftigt sich mit Gegenständen. In einer Klasse sitzen etwas ältere Kinder um einen Tisch und sticken oder nähen. Von einer Person kann ich nicht sagen, ob sie Personal oder Kind ist. Ich kann ihr keine Behinderungen ansehen, aber sie macht das, was die anderen Kinder machen und sagt nichts. Vielleicht ist sie Praktikantin.

Was ich nicht sehe, ist klassicher Unterricht.

Also, Mathe, Deutsch oder Sachunterricht. Hätte ich aber, sagt Frau Fit. In der Klasse, in der gerade genäht wurde, gibt es einen regulären Stundenplan auch mit Mathe und so. Lebenspraktische Fähigkeiten stehen klar im Vordergrund. Die Kinder werden nach dem Rahmenlehrplan Geistige Entwicklung unterrichtet und werden auf die Arbeit in einer der zugehörigen Behindertenwerkstätten vorbereitet.

Was ich sehe, ist viel spezielles.

Viele Räume sind keine Klassenräume, sondern eher Funktionsräume. Zum Beispiel gibt es einen Pflegeraum mit Wickeltisch und Bett. Auch einen Lifter, um die Kinder aus dem Rollstuhl zu heben, gibt es hier. Frau Fit erklärt, dass die Räumlichkeiten hier nicht optimal seien. Der Raum sei fast zu klein. Der Hörförderraum sei nicht schalldicht, aber besser als kein Raum. Wir sind in einem Altbau. Es ist hell hier und hübsch.

Die Diagnostik beeindruckt mich.

Wie findet man raus, ob jemand hört, wenn er oder sie nicht mitmacht? Ein Arzt hat ca. 20 Minuten für die Diagnostik des Hörvermögens. Man klickert mit einem Ding, das aussieht, wie ein Kugelschreiber, sobald man das Geräusch hört. Das geht hier aber nicht. Die Kinder können nicht klickern, wollen nicht, oder verstehen nicht, dass sie es sollen und warum. Viele Kinder hätten außerdem schlechte Erfahrungen mit Ärzten gemacht, erzählt Frau Fit. Da ist Kreativität, Fachkompetenz und Geduld gefragt. Die Pädagogen hier können für die Hördiagnostik Töne einspielen, die die Kinder von zu Hause aus kennen und mögen und auf die sie normalerweise reagieren. Ohne klickern.

Um herauszufinden, ob sich das Sichtfeld von Kindern verschlechtert oder verbessert, gibt es Schokolade – keinen abstrakten Punkt. Ein Stück Schokolade, oder das Lieblingsspielzeug wird ins Sichtfeld des Kindes geschoben. Wenn es reagiert, ist klar: jetzt hat es das gesehen. Ist nicht soo kompliziert, muss man aber drauf kommen. Und man muss in Kauf nehmen, dass die Diagnostik ungenauer ist, als die Standarddiagnostik. Aber immerhin kann so überhaupt eine stattfinden.

Ich frage mich, in welchem Verhältnis spezifisches und standardmäßiges steht oder auch stehen sollte.

Klar, nicht jede inklusive Schule kann solche Räume aufbauen. Aber muss sie das?

Frau Fit ist nicht gegen Inklusion, das sagt sie mehrmals. Ich auch nicht. Klar ist, es ist kompliziert. Aber es hat ja auch niemand gesagt, es würde einfach werden.


3 Gedanken zu “Zu Besuch in einer Förderschule

  1. „Eine Klasse besteht aus drei bis fünf Kindern und mindestens zwei Erwachsenen.“

    Und genau darum kann Inklusion an deutschen Regelschulen im bestehenden deutschen Schulsystem nicht funktionieren. Einen Betreuungsschlüssel von (grob) 2:1? Ha, haha, ha *schluchtzleise*

    Gefällt mir

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