Aber wir sind die Guten! Kognitive Dissonanz in der Inklusionsdebatte

Es wühlt mich durchaus auf, dass ich das erste mal auf Twitter blockiert wurde. Denn es war nicht etwa jemand von der AfD oder einer ähnlich undemokratischen Partei, sondern Bodow Ramelow, Ministerpräsident für die Partei DIE.LINKE.

Also eigentlich einer von den Guten, so wie ich[1]

Was war passiert?

ramelowtweet

Auf die Aussage Ramelows, man könne in den Mühlhäuser Werkstätten sehen, wie Inklusion umgesetzt werde, fragte eine Userin nach, was daran genau inklusiv sei:

andersbuntweet

Die Reaktionen Ramelows auf diesen und ähnliche Tweets waren, sagen wir, patzig, z. B.:

tweetramelow2

Nach kurzer Zeit wurden alle an der Diskussion beteiligten blockiert. Es fand keinerlei Kommunikation statt.

Also ist Ramelow jetzt einer von den Bösen?

Ja und nein. Man kann aber fest halten, dass er, so wie viele Personen, die im Sondersystem für Menschen mit Behinderungen tätig sind, eine gewaltige kognitive Dissonanz bewältigen muss.

Das aus der Psychologie stammende Konzept der kognitiven Dissonanz hilft uns, Ramelows patzige Reaktion zu erklären:

Jahrzehnte lang waren die Menschen, die in Behindertenwerkstätten tätig sind, nahezu zweifelsfrei die Guten. So hieß es schon 1908 vom Vorstand des Hilfsschullehrerverbandes (Vorläufer des Verbands Sonderpädagogik e.v., vds), nur die „erbarmende, edle Menschenliebe“ verleihe den Sonderschullehrern die Kraft, „auf einem solchen Posten auszuharren“[2] Sie opferten sich für „diese“ Menschen und die Gesellschaft auf; das Kümmern um Behinderte galt als hochgradig ethisch, Menschen, die in Sonderinstitutionen arbeiteten, als moralisch überlegen.

Spätestens mit der UN-Behindertenrechtskonvention (BRK) wird diese Sichtweise radikal angegriffen.

In der BRK werden Ansprüche der Behinderten gegenüber der Gesellschaft formuliert. Das kehrt die moralische Verpflichtung um. Behinderte sind nicht länger Bittsteller, für die sich einzelne, besonders moralische Personen „aufopfern“ müssen. Stattdessen hat die Gesellschaft als Ganzes die Pflicht, Menschen mit Behinderungen als selbständige und gleichberechtigte Träger und Trägerinnen von Rechten anzuerkennen. Damit ist es nicht mehr „besonders moralisch“, sich Behinderten zuzuwenden. Es ist gesellschaftliche Pflicht aller, eine inklusive Gesellschaft zu gestalten. Das heißt auch, dass es in der BRK längst nicht mehr ums Kümmern um Bedürftige in exklusiven Institutionen geht. Es geht um ein selbständiges Leben in der Gesellschaft, das ermöglicht werden muss.

Werkstätten für behinderte Menschen schaffen genau das nicht: Das Leben findet abseits der Gesellschaft, in exklusiven Institutionen statt. Insofern muss man sich gar kein genaueres Bild von Behindertenwerkstätten und ihren Trägern machen, um sie zu kritisieren. Das Konzept an sich verstößt gegen die BRK. Der UN-Fachausschuss hat Deutschland deswegen gerügt, das Deutsche Institut für Menschenrechte mahnt ein inklusives System an.

Das muss diejenigen, die aus ethischen und moralischen Überzeugungen in Werkstätten arbeiten oder diese befürworten, zwangsläufig in eine tiefe Krise stürzen.

„Aus Menschenrechtsbefürwortern werden Menschenrechtsverletzer“

Ganz ohne ihr zutun, einfach, weil sich die Gesellschaft ändert. Jahrelang denkt man, man gehört zu den Guten und dann kommen die anderen Guten und sagen, das stimmt gar nicht. Das ist kognitive Dissonanz vom Feinsten.

Viel Erfolg beim Bewältigen wünschen die Blockierten!

P.s. Das Blockieren ist auch eine eher kurzfristig wirksame Bewältigungsstrategie. Ich rate zur Auseinandersetzung. Darüber hinaus finde ich es notwendig, zu diskutieren, inwiefern öffentliche Personen, insbesondere Politiker und Politikerinnen überhaupt Privatpersonen – sofern diese nicht beleidigend oder drohend agieren, blockieren dürfen sollen. Aber das ist ein anderes Thema.

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[1] Und die anderen zwei Blockierten

[2] Zitat nach Hänsel (2014 – Sonderschullehrerausbildung im Nationalsozialismus) aud dem in der Zeitschrift „Die Hilfsschule“ abgedruckten Gesuch des Verbandvorstands an den preußischen Kultusminister u.a., dass Gehalt der Sonderschullehrer zu erhöhen.

Update 22.4. ich – und soweit ich weiß auch die anderen Blockierten – wurden wieder entblockiert.


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